18.6.08

IDEA-Interview zur Präsidentenwahl

Fragen an den neuen SEA-Präsidenten Wilf Gasser


idea: Braucht die Schweizerische Evangelische Allianz einen Arzt?
Wilf Gasser: Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass die SEA speziell einen Psychiater braucht... Aber in einer breiten Bewegung wie der SEA können alle, die sich engagieren wollen, einen wichtigen Beitrag leisten. Wenn mein medizinischer Hintergrund dabei hilfreich ist, freut es mich. Doch ich werde sicher nicht deswegen gewählt.

Was führt Sie zu dieser Aufgabe?
Das Anliegen für das Miteinander im Leib Jesu wurde mir irgendwie in die Wiege gelegt. Es hat ganz stark mit meiner Biographie zu tun. Ich bin ich einer Chrischona-Gemeinde aufgewachsen und habe sie positiv erlebt. Dann habe ich weitere Werte aufgenommen durch mein Engagement in der VBG. Ich habe Freunde und Verwandte im gesamten Spektrum der Gemeinden. Daraus sind bei mir die Freude und die Wertschätzung für die verschiedensten Beiträge im Leib Jesu gewachsen.

Ist Ihr Weg in die Leitung der SEA auch ein Beispiel für Gottes Führung?
Mein Name Willfried ist so etwas wie mein Programm. Ich bin gerne Brückenbauer und sehe gerade in dieser Funktion eine Möglichkeit, meine vielfältigen Erfahrungen einzubringen. Ich habe den Eindruck, ich sei in den vergangenen 30 Jahren auf diese Aufgabe vorbereitet worden.

Wird die SEA unter der Leitung eines Berner EVP-Grossrats politischer?
Ich denke nein. Politik heisst für mich gesellschaftsrelevantes Handeln, und das ist ja schon bisher das Anliegen der SEA. Die SEA soll auch nicht in erster Linie ein politisches Organ sein, sondern wirklich Jesus repräsentieren. Sie soll ein Ausdruck des Leibes sein, den sich Jesus erworben hat. Ich habe keine politische Agenda für die SEA. Das lebe ich an andern Orten aus.

Die politische Ausrichtung der SEA gibt immer wieder zu reden. Wo steht sie?
Die Frage von links und rechts ist für mich völlig irrelevant. Ich möchte vielmehr wissen, was das biblische Wort und Gottes Wesen am besten repräsentiert. Doch auch darüber kann man verschiedener Meinung sein.

Täuscht der Eindruck, die EVP neige eher zur SEA und die EDU eher zum VFG, dem Freikirchenverband?
Ich glaube nicht, dass man das grundsätzlich so sagen kann. Ich vertrete Vineyard ja auch im VFG. Der Unterschied ist sicher, dass der VFG ein hierarchisch strukturierter Verband mit den Leitungspersonen aus den einzelnen Werken ist. Hier geht es mehr um Strukturen. Die SEA ist eine Bewegung. So erlebe ich auch den Unterschied zwischen den beiden Parteien. Die EDU ist eher dogmatisch orientiert und die EVP eher eine weniger klar fassbare Bewegung.

Warum braucht es nach wie vor zwei Verbände?
Gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit. Die SEA repräsentiert auch Christen mit ähnlichen Wertvorstellungen aus der evangelischen Landeskirche und aus den wachsenden nichtverfassten Gemeinden. In vielen ähnlichen Anliegen versuchen wir zusammenzuarbeiten. Doch nimmt der VFG als Interessenverband auch spezifische Aufgaben der Freikirchen wahr, wie die Anerkennungsfrage oder die Steuerbefreiung von Spenden.

Wie erklären Sie einem „Blick“-Reporter den Auftrag und den Stellenwert der SEA?
Die SEA ist eine Bewegung, die Menschen verbindet, die in unserer Gesellschaft biblische Werte zum Tragen bringen und ein Hinweis auf die befreiende Kraft des Evangeliums sein wollen. Die SEA ermuntert die ihr nahe stehenden Leute, in unserer Gesellschaft einen konstruktiven Beitrag zu leisten und so Gottes Wesen sichtbar zu machen. Die SEA repräsentiert rund 250'000 Menschen, welche das Miteinander suchen und schätzen. Wir glauben, dass diese Menschen in der Gesellschaft einen wahrnehmbaren Unterschied ausmachen und verändernd wirken können.

Was soll sich daran unter dem neuen Präsidenten ändern?
Die SEA ist erfreulich gut unterwegs, und ich will den bisherigen Kurs weiter verfolgen. Es liegt mir viel daran, dass wir christliche Werte und Anliegen für die Bevölkerung nachvollziehbar kommunizieren. Denkbar wäre, dass meine grössere Bekanntheit in den Medien auch mehr Angriffsflächen und Provokationen bietet.

Wird die SEA künftig stärker provozieren?
Ich bin nicht der Typ, der um der Provokation willen provoziert. Aber ich werde auch nicht kneifen, wenn ich durch eine klare Stellungnahme zum Provokateur werde.

Bei welchen Themen werden sie demnach provozieren?
Ich denke an Themen wie das Lebensrecht, die Sterbehilfe oder die bessere Integration von Fremden. Aber auch an unseren Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft über unser Land hinaus. Stichwort „Stop Armut“ und die schrittweise Erhöhung der Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens.

Die SEA sorgte im letzten Jahr mit der Kampagne „Stopp Suizid“ für Aufsehen. Und in diesem Jahr?
Ich könnte mir vorstellen, dass wir den ganzen Bereich der Familie noch mehr zum Thema machen. So habe ich auch den Auftrag entgegen genommen, eine Arbeitsgruppe „Familie“ zu gründen. Persönlich wirke ich auch in der Spurgruppe der „Marriage Week“ mit, eine riesige Chance!

Wo wollen Sie ansetzen beim Thema „Familie“?
Ich glaube, dass die Schweizer Bevölkerung konkrete Hilfestellungen braucht, um Familie wirklich zu leben. Mit Ehekursen, Ehevorbereitungen oder Familienberatungen gibts in christlichen Kreisen schon wertvolle Angebote. In dieser Richtung müssen wir uns überlegen, was hilfreich ist für die Gesellschaft.

Planen Sie weitere Arbeitsgruppen?
Einzig im Bereich Senioren sind wir noch dran, das grosse Potenzial vermehrt zu nutzen und zu überlegen, wie sich auch Senioren aktiver beteiligen könnten am gesellschaftlichen Leben.

Befürchten sie nicht eine Verzettelung der Kräfte angesichts von bereits 14 Arbeitsgruppen?
Nein, denn die einzelnen Arbeitsgemeinschaften versuchen ja, bereits bestehende Werke und Fachleute in ihrem Bereich zu vernetzen und dadurch mehr Dynamik und Effizienz zu entwickeln. Es kann aber auch sein, dass wir eine Arbeitsgemeinschaft sterben lassen, wenn sie keine aktuellen Bedürfnisse mehr deckt.

Wie wollen Sie feststellen, was die Basis wirklich bewegt?
Das kann durch unsere Sektionen und die breit abgestützten Arbeitsgemeinschaften geschehen. Wir wollen auch durch eine aktive Medienarbeit die Nase noch vermehrt im Wind haben, um festzustellen, was sich so tut in der Gesellschaft.

Sehen Sie in absehbarer Zeit eine Annäherung an die katholische Bischofskonferenz und den Evangelischen Kirchenbund?
Ich pflege persönliche Kontakte zur katholischen Seite, und werde das weiter tun. Zum Kirchenbund und zum VFG bestehen seit Jahren gute, etablierte Beziehungen, so dass sich nicht speziell etwas ändern muss.

Die Ökumene wird weiterhin kein Thema sein?
Mir ist wichtig, dass ich auf persönlicher Ebene Kontakte auch zu katholischen Christen habe und ihnen Wertschätzung zeige für den Beitrag, der aus dieser Ecke der Kirche kommt. Für Annäherungen auf institutioneller Ebene sehe ich keinen Bedarf. Dazu wäre die Zeit auch nicht reif. Doch mir ist ganz wichtig, dass wir uns als Allianzchristen auch nicht durch Abgrenzung zu anderen Christen profilieren wollen.

Um den von der SEA angeregten Runden Tisch mit Muslimen und Minarettgegnern ist es ruhig geworden. Ist er am Ende?
Wir haben mit allen Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Darum kann ich dazu nichts sagen. Doch die Sache ist nicht abgeschlossen.

Bei vielen Freikirchlern ist die Angst vor einer Islamisierung der Gesellschaft gross. Wie reagieren Sie als Christ?
Ich gehe davon aus, dass Jesus auch diese Ängste überwunden hat. Zudem zeigt die Geschichte, dass das Christentum auch in Zeiten von Drohungen und Anfeindungen nicht weniger lebendig war. Für mich ist jedoch nicht der Islam die grosse Bedrohung, sondern die Tatsache, dass sich die Menschen immer mehr von Gott abwenden und grundsätzlich nicht auf ihn ausgerichtet leben. Ich will klar sagen, dass auch ich Respekt habe vor dem radikalen Islam. Doch Angst oder negative Abgrenzungen sind falsche Ratgeber.

In etlichen Gegenden kommt die Evangelische Allianz kaum vom Fleck. Wie lässt sich das ändern?
Die Situation ist uns nicht gleichgültig. Wir haben darum auf diesen Sommer hin einen teilzeitlichen Mitarbeiter angestellt, nämlich Pfarrer Thomas Beerle, Präsident der lokalen Sektion in Buchs im Rheintal. Er soll helfen, den lokalen Sektionen mehr Identität und Schlagkraft zu geben.

Wie viele blühende Allianz-Sektionen gibt es im Moment?
Allianzen mit grosser Ausstrahlung gibt es vielleicht ein Dutzend, so zum Beispiel in Thun, Winterthur, Basel, Biel oder eben Buchs.

Die traditionelle Allianzgebetswoche lockt mancherorts kaum mehr Leute in die Kapellen. Wie soll sie neuen Schwung bekommen?
Die Allianzgebetswoche ist ein zentrales Element. Sie braucht sicher neue Impulse und muss neu entdeckt werden. Das ist eine grosse Aufgabe. Ich habe den Eindruck, dass das lokale Miteinander noch stärker gesucht werden sollte. Und wir sollten uns vermehrt überlegen, wie wir in dieser Woche der ganzen Bevölkerung dienen können. Wir sollten uns mehr nach aussen orientieren.

Viel Beachtung findet Ihre Verteilzeitschrift „4telstunde“, wie jene zur Euro. Könnte damit auch die Medienarbeit der Gemeinde gefördert werden?
Wir fragen uns, ob die „4telstunde“ zur regelmässig erscheinenden Zeitung werden soll. Das wäre wichtig für die Identität der SEA und könnte auch der lokalen Allianz dienen, indem sie zum Beispiel eigene Einlagen beilegen könnte. Geprüft wird auch die verstärkte Zusammenarbeit mit andern Organisationen und Medienwerken.

Noch mehr Evangelisation und Mission: Damit rufen Sie nur Hugo Stamm und seinsgleichen auf den Plan.
Ich kenne Hugo Stamm persönlich. Ich habe nicht den Eindruck, dass er grundsätzlich ein Problem hat, wenn wir als Christen noch mehr Sichtbarkeit bekommen. Für mich ist Hugo Stamm kein Feindbild, vor dem man Angst haben müsste. Es sind ja auch mehr die Tendenzen zur Vereinnahmung, die er anprangert. Aber engagierte Christen bieten natürlich mehr Angriffsflächen. Doch schon Paulus hat gesagt, wir sollten uns freuen, wenn wir angegriffen werden. Sogar ungerechte Angriffe können etwas Positives bewirken. Die SEA will die Christen ermutigen, sich durch Angriffe auch nicht beirren zu lassen. Und es kann übrigens auch eine Chance sein, wenn wir hinterfragt werden oder uns selbst hinterfragen.

Was möchten Sie Hugo Stamm zum Thema Missionierung gerne einmal sagen?
So wenig wie die Katze das Mausen lassen kann, können wir es lassen, die gute Nachricht zu verbreiten. Jeder Mensch, der eine starke Überzeugung hat, trägt ein missionarisches Element in sich. Auch Hugo Stamm! Ich wünsche ihm, dass er vermehrt auch ein Auge dafür gewinnt, wie eine Beziehung zu Jesus Christus Menschen positiv verändern kann.

Was brächte es der Schweiz, wenn die SEA doppelt so viele Mitglieder hätte und einen viel höheren Stellenwert bekäme?
Wir hätten mehr Bürger, die Verantwortung übernehmen und sich für eine positive Veränderung der Gesellschaft einsetzen wollen. Denn Allianz-Christen haben nicht nur in der Vergangenheit überdurchschnittlich viel bewegt, zum Beispiel im sozialen und pädagogischen Bereich, sondern sind auch heute vielen Bereichen innovativ und engagiert. Die Schweiz würde ein Stück lebenswerter, offener, lebensbejahender.

Mit „Kickoff 2008“ leisten die SEA und viele örtliche Gemeinden während der Euro einen Grosseinsatz. Ihre Zwischenbilanz?
Die Aktion scheint ein Erfolg zu werden. Viele Gemeinden nutzen dieses grosse gesellschaftliche Happening, um sich selber einzubringen. Sie wollen sich nicht einfach abgrenzen, sondern signalisieren, dass sie sich als Teil des Fussballvolkes, als Teil dieser Gesellschaft verstehen.

Was könnte die SEA vom Fussball lernen?
Dass man nur in einem Team, in dem jeder einzelne seine Position gut ausfüllt, gemeinsam grosse Ziele erreichen kann.

Wahl zum Präsidenten der Schweizerischen Evang. Allianz

Der Berner Grossrat, Psychiater und Kirchenleiter Willfried Gasser wurde am 13. Juni von der Delegiertenversammlung in Aarau zum neuen Präsidenten der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) gewählt. Er wird Nachfolger von Thomas Bucher.

Zürich, 12. Juni 2008 (fh.) Der 51-jährige Wilfried Gasser stammt aus dem Kanton Schaffhausen, wohnt sei 1979 in Bern, wo er heute für die EVP im Grossrat sitzt und selbständig als Ehe-, Familien- und Sexualtherapeut wirkt. Der Arzt und Psychiater war bis 2007 Co-Pastor der Vineyard Bern, einer evangelischen Gemeinschaftsbewegung. Gasser gilt als integrierende und vermittelnde Persönlichkeit mit starkem Interesse an gesellschaftlichen, politischen und sozialen Fragen. So ist er Stiftungsrat der GEWA (Stiftung für berufliche Integration) sowie Mitgründer und Präsident des Männerforums, einer landesweiten christlichen Männerbewegung. Mit seiner Frau Christa, den drei erwachsenen Kindern und Freunden lebt „Wilf“ Gasser, wie er von allen Bekannten genannt wird, in einer Lebensgemeinschaft. Bereits seit sechs Jahren arbeitet er im Zentralvorstand der Evangelischen Allianz in der Deutschschweiz mit, dessen Präsidium er nun übernimmt. Gleichzeitig wird Gasser Co-Präsident des nationalen Verbandes der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

Familie und Gesellschaft als Schwerpunkt
Was reizt Willfried Gasser an dieser Aufgabe in der SEA? Die Vernetzung von Christinnen und Christen, darunter insbesondere von Fachleuten, sei seit vielen Jahren sein grosses Anliegen. Er möchte die Zusammenarbeit unter Kirchen und Organisationen fördern und Christen zu einem vermehrten und konstruktiven Engagement in den heissen Fragen der Gesellschaft ermutigen. Handlungsbedarf und einen persönlichen Schwerpunkt sieht Gasser bei den Familien. „Ich sehe eine grosse Diskrepanz zwischen dem weit verbreiteten Wunsch nach dauerhaften, guten Beziehungen in Ehe und Familie, und andererseits der Realität vieler zerbrechender Beziehungen“ sagt der Therapeut, der selber in einer neunköpfigen Familie aufgewachsen ist. Hier gelte es mit den verschiedensten Angeboten von Erwachsenenbildung und praktischer Hilfe anzusetzen. Dass die Familie auch politisch gestärkt werden muss, steht für Wilf Gasser ausser Frage.

Einsatz für mehr Gerechtigkeit
Den bisherigen Kurs der SEA will Gasser fortsetzen. Insbesondere, dass sich die Evangelische Allianz noch stärker für mehr Gerechtigkeit auf der Welt einsetzt, wie beispielsweise für die Armen und damit für die Erhöhungen der staatlichen Entwicklungshilfe. Generell möchte Gasser, dass die SEA mit der Gesellschaft vermehrt in einen öffentlichen Dialog tritt, denn „wenn die Menschen das Evangelium von Jesus Christus besser kennen würden, wüssten sie um seine Relevanz auch für unser modernes Leben in der Schweiz“, ist Wilf Gasser überzeugt. Zudem sieht der neue Präsident die guten Ordnungen Gottes nach wie vor als hilfreich für das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft.

Wer ist die SEA?
Unter dem Präsidium von Thomas Bucher, der im Hauptamt europäischer Leiter der christlichen Organisation „Operation Mobilisation“ ist, hat die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA) in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Mit Grossanlässen (Christustagen), Fachtagungen (beispielsweise zur Klimaerwärmung oder Integration von Schwachen), Plakataktionen, politischen Stellungnahmen sowie der Verteilzeitung „4telstunde“ gelang es der SEA zunehmend, als Stimme eines wachsenden Segments evangelischer Christinnen und Christen hörbar zu werden.

19.12.07

Gedanken zum Bank(kunden)geheimnis

Das kleine Geheimnis der Schweizer Banken

In der Leiterkonferenz der Schweizerischen Freikirchen und Gemeinschaften, wo ich die Vineyard – Bewegung vertrete, wurde das Bankengeheimnis diskutiert. Den Anstoss dazu gab eine Gruppe von Leuten, die im Bankengeheimnis einen Verstoss gegen Gottes Gerechtigkeit sehen, und dieses deshalb direkt mit der Frage verknüpfen, ob die Schweiz in Zukunft unter Gottes Segen oder unter einem Fluch stehen werde.
Zuerst erklärte Dr. Christoph Winzeler als Mitglied der Schweiz. Bankiervereinigung den Hintergrund des Bankkundengeheimnisses und die aktuelle Situation. Anschliessend erklärte ich meine kritische Position und stützte mich dabei auf ein Dossier des VBG-Instituts vom Jan. 06 „Das kleine Geheimnis der Schweizer Banken“.

Um es vorweg zu nehmen. Das Schweiz. Geldwäscherei-Gesetz ist international best practice. Heute muss den Banken bekannt sein, woher die Gelder stammen und wem sie gehören. Anonyme Konten gibt es nicht.
Aber das ethische Kernproblem des schweizerischen Finanzplatzes ist nicht die kriminelle Geldwäsche, sondern dass wir Kunden mit ausländischem Domizil ganz legal darin unterstützen, Steuern zu hinterziehen. Wir begünstigen dies durch die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Während in den meisten Ländern beides strafbar ist, haben wir in der Schweiz diese Unterscheidung, um die einfache Steuerhinterziehung und das Geschäft mit ihr zu entkriminalisieren. Wenn ein Staat bei Verdacht auf Steuerhinterziehung von unseren Banken Auskunft über Konten seiner Bürger will, erhält er von der Schweiz keine Hilfe. Weil Steuerhinterziehung (Zum Beispiel ein Konto bei den Steuerbehörden gar nicht anmelden) in der Schweiz nicht strafrechtlich verfolgt wird, darf man dann dafür auch keine Rechtshilfe dem Ausland gegenüber leisten. Während bei Steuerbetrug die Gewährung der Rechtshilfe gegeben ist, wird die Hilfe bei Steuerhinterziehung gegenüber dem Ausland ausdrücklich ausgeschlossen. Diese beiden Instrumente – Abtrennung der Steuerhinterziehung vom Steuerbetrug und anschliessend ausdrücklicher Ausschluss der Rechtshilfe bei Steuerhinterziehung – machen also die Schweiz als Standort für Fluchtgelder besonders attraktiv und werden im Ausland logischerweise als Wettbewerbsverzerrung empfunden.

Dass Kunden um Steuern zu sparen ihre Gelder auf Schweizer Banken derart verstecken können, ist meines Erachtens wirklich eine Ungerechtigkeit.
Denn Steuern haben den Sinn, staatliche Leistungen und Infrastruktur zu finanzieren. Es ist deshalb logisch, dass Steuern nicht auf einer einsamen Insel im Südpazifik, sondern dort bezahlt werden sollten, wo jemand lebt oder wo ein Unternehmen produziert. In modernen Staaten ist auch klar, dass Steuern im Gegensatz zu Gebühren nicht direkt an eine Leistung gekoppelt sind. Besteuert wird gemäss dem Grundsatz der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Wer mehr verdient zahlt auch mehr Steuern. Dieses Prinzip finde ich für unser Land richtig, und es sollte auch in andern Ländern so sein.
Es ist ein sinnvoller Ausdruck von ausgleichender Gerechtigkeit.

Die Schweiz unterläuft nun aber die Bemühungen anderer Staaten, ihre ihnen zustehenden Steuern einzutreiben. Dies widerspricht der Aussage von Jesus in Bezug auf den römischen „Unrechtsstaat“: Gebt dem Kaiser was dem Kaiser gehört, und Gott was Gott gehört.“ Jesus würde uns heute wohl keinen andern Rat geben.
Nun können aber Kunden also ihr Geld quasi auf Schweizer Banken verstecken. Wir mehren unseren Wohlstand damit, während dieses Geld bzw. die darauf geschuldeten Steuern den Herkunfts - Staaten fehlt. Selbst wenn in diesen Staaten demokratisch entschieden wurde, dass alle Bürger gemäss den gleichen Kriterien Steuern zu bezahlen haben, können diese Staaten ihr Recht nicht durchsetzen, weil die Schweizer Banken nicht mithelfen müssen.

Es ist doch völlig logisch, dass andere Staaten den Eindruck gewinnen müssen, dass die Schweiz hier nicht nach Massstäben der Gerechtigkeit, sondern nach dem Masstab des Eigennutzes handelt.

Die zu hohe Steuerquote wird gelegentlich als Legitimation für Steuerhinterziehung erwähnt. Weil Staaten zu viel abzocken, sei Steuerhinterziehung legitim und ethisch zu rechtfertigen.
In demokratischen Rechtsstaaten wird der Steuersatz aber politisch ausgehandelt. Jeder Staat hat die Steuern, die er verdient. Dass dabei Mehrheiten die entscheidende Rolle spielen, ist ein Ausdruck der Demokratie. Wer sonst ausser dem Staat ist in politisch-wirtschaftlichen Fragen der "Hort der Ethik"? Das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen und Steuern zu hinterziehen, kann ja nicht im Ernst der Ausweg sein.

Die Angst vor dem gläsernen Steuerzahler ist ein weiteres Argument für das Bankgeheimnis. Ich kritisiere aber nicht das Bankgeheimnis an sich, sondern nur, dass man sich darauf berufen kann um kriminelle Machenschaften zu vertuschen. Im Übrigen – den "gläsernen Steuerzahler" gibt es bereits. Das Einkommen des Arbeitnehmers – und diese Gruppe bildet die Mehrheit – ist im Lohnausweis gegenüber dem Steueramt offen deklariert und muss unverkürzt versteuert werden. Warum sollte das Arbeitseinkommen anders behandelt werden als das Kapitaleinkommen?

Man wolle eben die Ehrlichkeit und Eigenverantwortung der Bürger fördern...
Dass es mit der Ehrlichkeit im Zusammenhang mit Geld gerne happert, ist eine Binsenwahrheit. Die Schweiz versucht deshalb, Ehrlichkeit mit finanziellen Anreizen zu fördern statt Unehrlichkeit dem Fiskus zu melden. Das funktioniert ein Stück weit über die sogenannte Verrechnungssteuer. Diese wird auf unseren Bankzinsen abgezogen und an den Staat abgeliefert. Wenn wir unsere Bankkonten ehrlich angeben, können wir diese Verrechnungssteuer wieder zurückfordern. Sonst hat der Staat zumindest die Verechnungssteuer im Sack. Ausländische Staaten hatten aber bisher diese Möglichkeit nicht!

Unter Druck ist man nun zumindest innerhalb der EU daran hier Lösungen zu finden. Aber im Blick auf viele andere Staaten ist hier noch keine Regelung in Sicht.

Fragen der Ethik und Gerechtigkeit
Die englische Entwicklungsorganisation Oxfam vermutet, dass Entwicklungsländern allein durch entgangene Steuern auf Vermögenserträgen – also ohne die Besteuerung der Vermögen selbst zu berücksichtigen – 15 Mrd. Dollar jährlich entgehen. Rund ein Drittel der Off-Shore-Gelder sind in der Schweiz angelegt. Angenommen, dass dies auch für Gelder aus dem Süden gilt, entgehen dem Süden durch Steuerflucht in die Schweiz jährlich 5 Mrd. Dollar. Das ist fünf mal mehr als die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz beträgt. (Übrigens: Man schätzt die in der Schweiz verwalteten Vermögen auf 4'000 Milliarden Franken.)

Auch ich sehe im Umgang mit unserer Verantwortung als weltweit führender Bankenplatz eine Frage der Gerechtigkeit. Allerdings nebst vielen andern Themen.
Die Aufhebung der Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug wäre ein wichtiges Zeichen und ein kleiner Schritt hin zu mehr Gerechtigkeit in unserer Welt.

Rückblick auf den Männertag 2007

Männer wagen das Beziehungsabenteuer

950 Männer folgten unserer Einladung zum 10. Männertag nach Bern. Sie erlebten eine sehr ehrliche und zugleich Mut machende Auseinandersetzung mit der männlichen Beziehungsrealität. Einige Jugendliche stellten allerdings nach diesem Tag auch die Frage, ob es sich angesichts dieser Realität überhaupt lohne zu heiraten ...
Bilder und Feedbacks, DVD-Bestellung etc. auf www.maennerforum.ch


Dass Männer im Beziehungsabenteuer auch scheitern können, wurde bereits im ersten Interview klar. Wie ein Faden zog sich aber auch die Botschaft durch den Tag, dass ein Neuanfang immer wieder möglich ist. Zitiert wurde zum Beispiel Sprüche 24.16: „Denn siebenmal fällt der Gerechte, und steht wieder auf...“

Der Berner Psychologe und Ehetherapeut Dr. Manfred Engeli zeigte auf, wie Beziehungen gelingen können. Er wollte damit bei den Männern auch Druck wegnehmen. „Wir brauchen männliche Modelle um zu lernen, wie wir als Männer in Beziehung stehen können. Ich darf zu dem werden, was ich wirklich bin!“ Wir müssten also nicht etwas lernen, was uns überfordert, sondern einfach in das hineinwachsen, was wir wirklich sind.
Engeli sprach auch von den Ängsten der Männer, und den wenig hilfreichen „typisch männlichen Beziehungsmustern“. Wir hätten als Männer aber ein riesiges Privileg, weil Gott sich entschieden habe, uns in Jesus ein Vorbild für die männliche Seite seines Wesens zu geben. Von ihm könnten wir lernen.

Anhand verschiedener Konzepte zeigte Dr. Engeli bildhaft auf, was unsere Beziehungsfähigkeit fördert. Anhand des „Beziehungsdreiecks“ zeigte er auf, welchen Einfluss die Abhängigkeit von Gott auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und auf die Beziehung zu uns selbst hat. Wir seien als Beziehungswesen geschaffen, und deshalb gebe es keine Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit. Freiheit bedeute Abhängigkeit von Gott. Wer dies lerne, müsse mit seinen Erwartungen nicht mehr andere Menschen überfordern, wie dies in Beziehungen oft geschieht. Besonders zu beachten sei dabei, dass alles negative, enttäuschte Erwartungen, Verletzungen etc. „oben rüber“ geschickt, statt wie im Ping Pong dem menschlichen Gegenüber zugespielt werde. Dies wirke wie eine göttliche Kläranlage für das Schmutzwasser unserer Beziehungen.

Die Männer gingen auch mit gut trainierten Lachmuskeln nach Hause. Denn die Beiträge des „professionellen Überlebensberaters und Ermutigers“ Johannes Warth waren genial. Seine Wortspielereien blieben hängen. Männer seien oft Zu-Hörer, müssten sich deshalb bewusst öffnen und hin hören. Er illustrierte auf der Flip-Chart, wie durch ein kleines Minuszeichen aus dem englischen Wort TRUST (Vertrauen) das Wort FRUST werden kann. Und er erklärte den Männern die Bedeutung des Wortes „frohlocken“. Froh sein locke andere an, während viele Männer zuhause eher „mies vertreibend“ wirkten.

Der Tag bot eine riesige Fülle von Anregung und kreativen Eindrücken, und deshalb war es uns wichtig, auch eine persönliche Umsetzungszeit zu haben. Johannes Warth sollte diese einleiten. So holte er sich zwei mutige Männer auf die Bühne. Einen von ganz vorne rechts, und einen andern von hinten links. Diese sollten nun ihre Plätze tauschen, womit die „Um-Setzung“ überraschend einfach vollzogen war. Eine Wohltat für Männer, die sich einfache Lösungen wünschen...

Manfred Engeli ging natürlich etwas anders an die Sache ran. Er forderte die Männer auf, zuerst mal Gott zu fragen, welche kleinen Schritte nun für sie dran seien. Denn Viele hätten die Tendenz, sich mit hohen Zielen zu überfordern. Andererseits habe Gott für seine Kinder eine Art „riesiges Warenhaus“, wo wir immer wieder grosszügig das abholen dürften, was dran sei und wir brauchten.

Wilf Gasser

20.9.07

Was ich im Nationalrat bewegen möchte

Welches politische Anliegen möchtest du sofort nach deiner Wahl in den Nationalrat umsetzen?
(Anfrage "Erlebt" Juli 07)

Ich möchte die Familien finanziell besser stellen, und darauf hin arbeiten, dass Eltern bezüglich Kinderbetreuung eine echte Wahl haben. Statt Institutionen wie Kinderkrippen etc. das Geld zu geben, müssten die Familien diese finanziellen Beträge direkt bekommen. Sie könnten dann entscheiden, ob sie dieses Geld für externe Betreuung (zum Beispiel eine Kinderkrippe ) ausgeben wollen, oder ob sie die Betreuungsaufgabe selber übernehmen, und dafür eine Lohneinbusse in Kauf nehmen.
Hier möchte ich auf Bundesebene – aber selbstverständlich auch kantonal - auf einen Paradigmenwechsel hin arbeiten.


Fragen EVP-Info August 07:

Was motiviert dich dazu, dich politisch zu engagieren?
Es fasziniert mich, dass Gott durch seinen Geist alle Bereiche menschlichen Lebens berühren und prägen will. Und weil er mir entsprechende Gaben gegeben hat, setze ich mich gerne auch in der Politik dafür ein, dass biblische Werte und Anliegen zum Tragen kommen.

Zu welchem Thema erscheint dir als potenzieller Nationalrat ein politischer Vorstoss unbedingt nötig?
Im Nationalrat würde ich mich aktuell für eine verstärkte und früh ansetzende Integration von Migrationskindern einsetzen. Hier hätten wir übrigens als Christen ein gutes Tummelfeld, um die Liebe zu unserem Land mit Nächstenliebe zu verbinden.

20.2.07

Der Kanton Bern und seine Täufergeschichte

Die rund 300 Jahre dauernde und mit äusserster Härte geführte Täuferverfolgung ist wohl das dunkelste Kapitel der Berner Geschichte. Lanciert und getragen von Pro Emmental findet nun im 2007 ein Täuferjahr statt, welches mit rund 200 Veranstaltungen das Verständnis für die Anliegen der Täufer vertiefen will, aber auch zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und zu einem guten zukünftigen Miteinander beitragen soll.

Während auf kirchlicher Ebene schon einiges in Bewegung geraten ist, hat der Staat Bern bisher noch kaum öffentlich sichtbar einen Beitrag zur Aufarbeitung seiner Täufergeschichte geleistet. In einer Interpellation verlangte ich nun von der Regierung, das Täuferjahr für entsprechende Akzente zu nutzen, und erwähnte auch gleich einige Ideen was gemacht werden könnte.

Eine minimale Forderung wäre meines Erachtens die Errichtung eines Denkmals oder noch besser das Anbringen verschiedenster Informationstafeln an Orten, welche mit der Täufergeschichte verbunden sind. Zum Beispiel Berner Rathaus, Kreuzplatz wo der Pranger stand, Blutturm und andere Hinrichtungsorte, Inselgefängnis etc.

Februarsession im Grossen Rat

24.4.06

"Politik und Evangelium" Idea-Interview nach Wiederwahl in den Grossrat April 06

Was haben Sie als Pfarrer im Berner Rathaus verloren?
Gesellschaftliches Engagement gehört in meinem Reich Gottes Verständnis zum christlichen Grundauftrag. Egal wo wir beruflich hingestellt sind, sollen wir die Werte des Reiches Gottes sichtbar machen. Und weil ich offensichtlich auch mit entsprechenden Fähigkeiten ausgestattet wurde, hat sich für mich diese Türe in die Politik geöffnet. Ich habe dies nicht aktiv gesucht, aber heute freue ich mich, dass ich nebst meinen Aufgaben im kirchlichen Bereich dieses Standbein in der säkularen Welt habe.

Wo finden Sie die biblische Legitimation für Ihr Grossratsmandat?
Alle meine grossen Helden des Alten Testaments waren fantastische Politiker. Schauen sie sich mal einen Mose oder einen Josua an! Oder David und Salomon. Die hatten unglaubliche politische Herausforderungen zu lösen, und der eine konnte anscheinend nicht mal gut reden... Es braucht also auch für die Politik keine perfekten Menschen.

Sollten Kirche und Staat nicht konsequenter getrennt sein?
Mir wäre das tatsächlich lieb, und ich denke, dass die Entwicklung in den kommenden Jahren auch in diese Richtung gehen wird. Andererseits hat die offizielle Landeskirche heute immer noch einen positiven und vielleicht auch stabilisierenden Einfluss gerade in unserem Kanton. Da sehe ich keinen Grund, diesen aktiv zu bekämpfen oder einzuschränken.

Wie bereitet sich der Seelsorger auf eine Grossratssitzung vor?
Wohl genau gleich wie andere auch. Man sortiert mal die kiloweisen Papiere, schaut was einem besonders betrifft oder interessiert, und versucht sich in der vorhandenen knappen Zeit damit auseinander zu setzen. Im Moment fühle ich mich jedes Mal vor der Session noch ziemlich überwältigt von der Vielfalt der Themen, und leide auch daran, dass man sich mit Vielem gar nicht wirklich solid auseinandersetzen kann. Da ist man dann eben auf das gute Team und die Ergänzung angewiesen.

Wofür beten Sie vor den Sitzungen?
Einerseits um Führung und Weisheit bezüglich der Themen, aber wichtig ist mir immer auch das Gebet um gute Begegnungen über die Parteigrenzen hinweg. Denn ich will immer bewusst auch offen sein für persönliche Gespräche und menschliche Nöte.

Wird in der EVP-Fraktion gebetet?
Natürlich. Wir beginnen jede Sitzung mit einer kurzen Andacht und Gebet. Und zu Sessionsbeginn kommen jeweils rund 20 Politiker verschiedenster Parteien zu einer Kurzandacht in die Rathauskapelle.

Ein Gemeindeleiter als Parteipolitiker: Wie reagieren Ihre Gemeindeleute darauf?
Die Gemeinde fiebert natürlich jeweils mit und freut sich über meinen Wahlerfolg. Ich vermute, dass das Beispiel der Gemeindeleitung wirklich auch weitere Leute dazu ermutigt, sich politisch zu engagieren. Sei das in Schulkommissionen, Parteivorständen etc. Es gibt bei uns intern natürlich immer wieder auch politische Diskussionen, und gerade die Möglichkeit der elektronischen Wahlhilfe von „Smartvote“ hat selbst bei den Mitarbeitern im Gemeindebüro das breite Spektrum politischer Ansichten aufgezeigt. Als Leitungsteam haben wir unsere Präferenzen, aber wir ermutigen auch Leute die bei andern Parteien politisieren.

Sie sitzen seit 1 Jahr im Grossen Rat. Was haben Sie in dieser Zeit bewirkt?
Mir wurde erst mal eine Einarbeitungszeit bis zu den Wahlen zugestanden. Aber ich konnte sicher für unser Fraktionsteam schon in einigen Punkten eine Ergänzung sein, und mich mit meinen Kompetenzen einbringen. In Zukunft möchte ich mich noch stärker mit Gesundheits- und Familienpolitik beschäftigen.
In der breiteren Öffentlichkeit konnte ich in Zusammenhang mit einer sogenannten Aufklärungsbroschüre zum Thema Homosexualität etwas bewegen bzw. verhindern, und in dieser Frage von Aufklärung und Schule möchte ich auch im Grossen Rat noch dran bleiben.

Wie hilft Ihnen das Evangelium in der Politik?
Genau so wie mir das Evangelium auch im Beruf als Arzt oder in der Gemeindearbeit Orientierung gab, prägt meine Beziehung zu Jesus nun auch meine politische Arbeit, meine Begegnungen, meine Konflikte etc.

Ihr letzter grosser politischer Gewissenskonflikt?
Die EVP unterstützt den Ausbau von Tagesschulen, Kinderkrippen, Mutterschaftsversicherung etc. Ich trage das grundsätzlich mit, aber mich stört es sehr, dass dabei nur an die erwerbstätigen Mütter gedacht wird. Wir müssten Familien mit Kindern so unterstützen, dass Eltern echte Wahlmöglichkeiten haben zwischen Erwerbstätigkeit mit Fremdbetreuung oder ob sie die Erziehungsarbeit voll selber leisten wollen.

Worunter leiden Sie in der Politik am meisten?
Dass man zu vielen Themen Stellung nehmen sollte, von denen man eigentlich kaum eine Ahnung hat. Ich brauche da noch mehr „Mut zur Lücke“.

Wann wird ein Politiker schuldig?
Man hat immer die Wahl zwischen Ehrlichkeit und Echtheit oder Fassade. Politiker stehen unter Erfolgsdruck und erwecken oft den Eindruck, sie hätten die Sache im Griff. Aber meist wissen sie eigentlich viel zu wenig über die Auswirkungen ihrer Entscheidungen. Unehrlichkeit jeder Art ist Sünde...

EVP und EDU haben stark zugelegt. Wie kommt es dazu?
Die gesellschaftliche Verantwortung der Christen wird immer mehr zum Thema und ist in Kreisen der Allianz wie auch in den VFG-Gemeinden weitgehend unbestritten. Dies führt zu einer Sensibilisierung und zu einer vermehrten Bereitschaft, die gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten auch zu nutzen. Zudem kann die christliche Szene besser als die Durchschnittsbevölkerung mobilisiert werden.

12.4.2006 / Andrea Vonlanthen

14.3.06

Sexualität als Lebensaufgabe

In unserer Sammlung haben wir unter anderem auch folgende Zeitungsnotiz über eine britische Studie:
„Die wilden Jahre kommen später
- Warum der Sex ab 40 immer besser wird

Erst mit über 40 erleben Frauen den besten Sex ihres Lebens - manchmal auch noch später“

In wenigen Sätzen wird dann erklärt, weshalb und wie Paare nach der schwierigen Phase der Kindererziehung ihre sexuelle Beziehung wieder neu entdecken und in erfüllender Weise pflegen können. Was die Studie so klar nicht sagt, aber immerhin impliziert: Den besten Sex haben nicht junge, frisch verliebte Paare, sondern Paare im reiferen Lebensalter, welche ihr Beziehungsfundament gerade auch in den herausfordernden Jahren der Kleinkindzeit erhalten und pflegen konnten. Gute Sexualität hat man nicht, sondern man muss sie erarbeiten. Die sexuelle Beziehung ist somit eine Lebensaufgabe.

Freiheitliche Kommunikation
Es besteht kein Zweifel. Sex und Beziehung können nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Auch in der Sexualtherapie sehen wir die schnellsten Erfolge bei Paaren, welche ihre emotionale Beziehung gepflegt und eine freiheitliche Kommunikation eingeübt haben. Selbst wenn dies mit enorm viel Schmerz und Arbeit verbunden war, wie zum Beispiel in der Aufarbeitung eines Ehebruchs.
Freiheitliche Kommunikation bedeutet, dass Wünsche „hemmungslos“ ausgedrückt werden können, und der Partner bzw. die Partnerin in aller Freiheit darauf eingehen kann - oder eben auch nicht. Sexuelle Bedürfnisse werden so „verhandelbar“. Nicht ob sie berechtigt sind oder nicht, sondern im Sinne eines wohlwollenden Dialogs. Das könnte zum Beispiel so aussehen:
Sie: Schatz, ich hätte noch Lust mit dir zu schlafen.
Er: Das freut mich, aber weißt du was? Ich bin todmüde. Aber wenn es dir viel bedeutet, kann ich mich gerne nochmals aufraffen. Du musst mir einfach vielleicht etwas behilflich sein.
Sie: Ist schon okay, ich habe mich zwar schon den ganzen Nachmittag darauf gefreut, aber lass es uns doch auf morgen planen.

Vertrauen als Grundlage
Eine solche Freiheit in der Kommunikation ist nur möglich, wenn ich mir sicher bin, mein Partner wolle wirklich mein, und nicht nur sein Bestes. Sobald jedoch das Gefühl aufkommt, der Andere (und oft ist es tatsächlich der Mann!) suche nur sein eigenes Glück, ist es nicht mehr ein Geben und Nehmen in der Beziehung. Oft fühlen sich Frauen über Jahre in diesem Sinne für das Glück des Mannes verantwortlich. Sie „machen es ihm zuliebe“, und verlieren mit der Zeit das Gespür für die eigenen sexuellen Wünsche und Bedürfnisse. O-Ton einer Frau: „Mein Mann sagt zwar oft, er wolle mich noch ein wenig pflegen. Aber eigentlich pflegt er ja nur sich selbst.“ Irgendwann wird diese Frau den Hahn zudrehen, und Sexualität wird zum Kampffeld statt zum Ort der Begegnung.

Von der „Ego-Fuhr“ zum Miteinander
Wahrscheinlich beginnt jede sexuelle Beziehung erst mal als Ego-Trip, weil gerade im Verliebtsein in erster Linie die eigenen guten Gefühle gesucht werden, selbst wenn diese als Liebe zum andern „getarnt“ sind. Selbstbefriedigung, und erst recht Pornographie, verfestigen unter Umständen diese egozentrische Tendenz. Statt ein echtes miteinander und füreinander zu entwickeln, laufen viele Paare weiter auf der Schiene einer „orgasmusorientierten Sexualität“, welche in erster Linie den „guten Kick“ sucht. Manchmal muss der Zug auf dieser Schiene erst in die totale Sackgasse laufen, bis es zu einer Standortbestimmung und Neuorientierung kommt. Und oft ist diese Sackgasse leider dann auch grad der Beziehungs-Friedhof.

Wachsende Intimität – Der Weg zu erfüllter Sexualität
Gute Sexualität lebt nicht vom grossen Kick, sondern von Intimität. Und diese muss in jeder Beziehung erst erlernt werden. Sie wächst, wenn wir lernen aufeinander einzugehen, aufeinander ausgerichtet zu sein, schmerzhaftes anzusprechen, versöhnt zu leben. Auf dieser Basis einer reifen Beziehung können wir lernen unsere eigenen Bedürfnisse überhaupt erst wahrzunehmen und auszudrücken. Wir können lernen uns beschenken zu lassen und selbst gute Gefühle und Zärtlichkeit zu schenken.

Pleasuring
Wir stellen der „orgasmusorientierten Sexualität“ das „pleasuring“ gegenüber. Dieses englische Wort kann übersetzt werden mit wohl tun, geniessen, gute Gefühle vermitteln, sich aneinander freuen, erregt sein und Erregung schenken. Pleasuring beschreibt eine Dimension der sexuellen Begegnung, welche dem Wellness – Gedanken nahe steht. Gute Gefühle und Berührungen zulassen und geniessen können. So wie warme Sonnenstrahlen auf der Haut, oder wie die prickelnden Luftbläschen im Sprudelbad. Ein entspanntes Geben und Nehmen von Zärtlichkeit und Erregung.
Wenn wir in der sexuellen Begegnung diese Wellness-Dimension entdecken, dreht sich plötzlich weniger um das Ziel des Orgasmus mit dem damit verbundenen Frustpotential.
Wir können dann einfach miteinander positiv unterwegs seid, ganz im Sinne des bekannten Mottos: Der Weg ist das Ziel!

Geplanter Sex!?
Die sexuelle Begegnung lebt in einer langfristigen Beziehung weniger von leidenschaftlichen Gefühlen, sondern von der Entscheidung, sich auf einander einzulassen, sogar ganz emotionslos auch eine erotische Begegnung zu planen. Dass sich so dann aber durchaus auch ein leidenschaftliches „Abenteuer“ entwickeln kann, scheint manchen (frisch verliebten) Paaren völlig undenkbar ... Tatsache ist, dass nur selten bei einem Paar die Lust auf eine sexuelle Begegnung zeitgleich und gleichermassen vorhanden ist.
Die Zahl der „lustlosen Männer“ nimmt stetig zu, wobei allerdings manche ihr Bedürfnis auch über die Pseudointimität der Pornographie stillen. Bei Frauen ist oft die Zeit der Kleinkinder besonders schwierig, einerseits weil das emotionale Bedürfnis bereits durch die Mutter-Kind-Beziehung abgedeckt wird, andererseits weil die Mutter schlicht zu müde ist, um sich noch auf den oft anstrengenden Weg einer sexuellen Begegnung zu machen. Viele Ehemänner erleben diesen Mangel an Verlangen als persönliche Zurückweisung. Kommt sonst noch ein Beziehungsfrust dazu, wird wirkliche Intimität immer schwieriger, und die sexuelle Begegnung entsprechend seltener. Der „Orgasmusgipfel“ wird für viele Frauen dann zunehmend schwieriger zu erklimmen, was aber nicht zuletzt auch dem mangelnden „Training“ zuzuschreiben ist. Denn je seltener eine Bergtour unternommen wird, desto schwieriger ist der Gipfel zu erreichen. Sofern jedoch die Beziehung insgesamt stimmt, wird die mangelnde Orgasmusfähigkeit von vielen Frauen gar nicht so dramatisch erlebt. Oft sind eher die hingebungsvollen Ehemänner in ihrem Ego gekränkt. Denn schliesslich müsste man(n) es doch schaffen...
Diese Ehemänner stehen unter dem (Ein-)Druck, sie müssten als Experten wissen was ihre Frau braucht und was ihr gut tut. Sie wären viel entspannter wenn sie lernen würden, sich in der sexuellen Begegnung von der Frau und ihrem Expertenwissen führen zu lassen.

Wachstum ist immer möglich
Vielleicht bist du frustriert im Blick auf irgendwelche Massstäbe von guter Sexualität, an denen du deine Beziehung misst. - Übrigens sind auch viele christliche Bücher diesbezüglich wenig hilfreich, weil sie „allgemeingültige“ und oft unerreichbare Ideale vermitteln. - Es ist aber unsere Erfahrung, dass jedes Paar ein grosses Potential hat, selbst nach vielen mageren Jahren noch Neues zu lernen und eine erfüllte sexuelle Beziehung kennen zu lernen. Voraussetzung ist die Bereitschaft, dran zu bleiben und in die Beziehung zu investieren.

Wilf und Christa Gasser, März 2006

25.2.06

Interview mit Kandidaten Grossratswahlen 2006

Die Fragen stellte Susi Meier

Du kandidierst im April 06 für den Grossen Rat, was ist deine Motivation, dies in der EVP zu tun?
Die EVP verbindet die Ausrichtung auf christliche Werte mit einer Offenheit für Andersdenkende, sodass wir echt Brücken bauen und mit andern ins Gespräch kommen können. Dieser politische Stil entspricht meinem persönlichen Wesen wie auch meinen Überzeugungen.

Was schätzt du besonders am Kanton Bern?
Der Kanton Bern bietet extrem viel Lebensqualität. Die „Grossstadt Bern“ ist zwar immer noch ein Provinzstädtchen, bietet aber trotzdem sehr viel an „Leben“. Und dann haben wir in nächster Nähe eine grossartige Landschaft und fantastische Erholungsräume.

Was würdest du am dringendsten ändern im Kanton Bern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?
Ich würde gerne eine positivere Stimmung schaffen. Wir haben nämlich keinen Grund zu jammern und miesepetrig zu sein. Und mit einer positiven Haltung lässt sich viel mehr verändern als durch Druck und negative Stimmung.

Was sollte deiner Meinung nach im Kanton endlich diskutiert werden?
Mir fällt es schwer, nur ein Thema zu nennen. Aber dringend – und oft nicht konsequent zu Ende geführt - ist die Diskussion um staatliche Leistungen. Was können und wollen wir uns leisten im Kanton? In den Bereichen Infrastruktur, Bildung, Soziales etc.

Welches Buch, welcher Film oder welches Musikstück hat dich in letzter Zeit sehr bewegt?
Ich las in letzter Zeit Bücher von Ed Silvoso über die verändernden Auswirkungen des Evangeliums auf ganze Kulturen, auf Städte, auf die Geschäftswelt etc. Die heutige westliche Kultur mit ihren Werten wurde mal ganz entscheidend von Christen geprägt.
Ich möchte mit vielen andern zusammen auf Jesus ausgerichtet leben und wieder mehr von dieser verändernden Kraft sehen und erleben.

Welcher Zeitungsartikel hat dich geärgert?
Ich nervte mich an der ausgedehnten Berichterstattung über die Erotikmesse, und konnte es nicht lassen, einen Leserbrief zu schreiben über die Verantwortung der Medien. Diese definieren sich zwar nur als „Spiegel der Gesellschaft“, aber dann helfen sie auch tüchtig mit solchen Schrott an den Mann zu bringen. Und waschen sich die Hände in Unschuld...

Was möchtest du den EVP Info Leserinnen sonst noch sagen:
Versuche mindestens 3-5 neue Leute an die Urne zu bringen. Die EVP ist sehr gut auf Kurs, und diese Wahlen haben das Potential, uns zu einer noch gewichtigeren Stimme in der Berner Politik werden zu lassen. Und wenn du dich persönlicher in der Politik engagieren willst oder Ideen hast, dann melde dich doch ungeniert bei mir.

Editorial EVP-Info Bern Stadt 06/1

Seit erst einem knappen Jahr bin ich nun Teil der EVP-Fraktion im Grossen Rat. Und so quasi von Amtes wegen bin ich auch Mitglied des städtischen Vorstandes. Ich bin begeistert von der guten Zusammenarbeit und der positiven Stimmung in unserem Team, wo jedes Mitglied seinen oder ihren Gaben gemäss Zeit und Kraft investiert. Wir sind alle top motiviert, den biblischen „Salz-Auftrag“ auch im Rahmen unserer politischen Gestaltungsmöglichkeiten auszufüllen. Zugleich sind wir uns aber sehr bewusst, dass wir auch dich mit deinem kleinen oder grossen Beitrag brauchen, damit unser Motto „Christliche Werte – Menschliche Politik“ Hände und Füsse bekommt.

Soziale Gerechtigkeit ist meines Erachtens eines der Kernanliegen einer christlich motivierten Politik. Ich erachte es deshalb als grosse Chance, dass dies - gerade auch durch die Kampagne „StopArmut2015“ vom letzten Jahr - wieder vermehrt ein Thema wurde. Wir sollten als EVP an diesem Faden weiter ziehen, und uns positiv mit diesem wichtigen Anliegen positionieren. Oft genug wurden wir ja vielleicht in der Vergangenheit von der Öffentlichkeit eher in der „Nein-Sager-Ecke“ wahrgenommen.

Wir haben für den 22. März den Weltklasse-Mimen Carlos Martinez mit seinem Programm „Menschenrechte“ nach Bern eingeladen (20Uhr, Kulturhalle, Fabrikstrasse 12), und verstehen dies auch als kleinen Dank für dein Engagement. Der Anlass gibt dir aber auch eine ausgezeichnete Gelegenheit, mit Kollegen, Nachbarn und Verwandten ins Gespräch zu kommen, und sie vielleicht auch grad zur EVP-Unterstützung in den kommenden Grossrats-Wahlen einzuladen. Und sicher lässt sich der eine oder (die) andere gerne zu diesem faszinierenden Künstler-Abend mitnehmen.

Also bis bald!
Wilf Gasser
Grossrat